ICH

Bulgarien-Episoden 2007 / 2008

Einleitung

Nachdem es naturgemäß am Anfang recht viel Neues aufzuschreiben gab, gewöhnt man sich nach gut drei Monaten – knapp einen Monat davon war ich allerdings im Urlaub – mehr und mehr an das Leben hier in Veliko Tarnovo. Aber es gibt doch immer wieder Dinge, über die es sich zu berichten lohnt. Und so werde ich an dieser Stelle einzelne Episoden meiner Zeit hier niederschreiben.

Erste Episode

Eines wollte ich schon immer mal aufschreiben: Die Bulgaren sind nämlich Meister im Verwirren. Dass man mit Kopfschütteln Zustimmung signalisiert und mit Nicken Ablehnung steht in den gängigen Reiseführern. Was ich aber auf Arbeit erlebt habe, ist schon ein wenig übertrieben. Und es deutet eigentlich alles darauf hin, dass es sich tatsächlich um einen Fehler und nicht um verwirrende Absicht handelt. Dreht man nämlich den Wasserhahn (Einhebelmischbatterie – immerhin!) dort in die mit blau markierte Richtung, also nach rechts, wird es nicht etwa kälter. Nein! Ich hätte mir dabei mal fast die Finger verbrannt! Aber das ist die einzige mir bekannte Mischbatterie mit diesem Verhalten. Wird wohl doch nur ein Fehler der Installateure sein. Aber man findet sich halt damit ab.

Zweite Episode

Und wo ich schon mal am stillen Örtchen bin, kann ich auch gleich dazu noch was schreiben. Ist schon gewöhnungsbedürftig, dass sich Männlein und Weiblein einen Raum teilen. Wand an Wand jeweils ein WC. Soweit geht es aber noch. Und in der Etage, auf der ich arbeite gibt es auch nichts weiter zu berichten. Aber ein Stockwerk tiefer – ab und zu muss ich auch da mal zur Toilette – fand ich etwas vor, das ich bisher noch nie gesehen hatte: Bloß ein Loch im Boden. O.K. – dachte ich, meinen's halt gut mit den Männern. Aber in der von den Damen genutzten Abteilung nebenan bietet sich einem das gleiche Bild. Und es ist nicht etwa noch die sozialistische Original-Ausstattung, nein, neue Keramik! Nun ja. Mich soll's nicht weiter stören.

Dritte Episode

Aber der eigentliche Grund, warum ich mich mal wieder an den PC gesetzt habe um etwas zu notieren ist ein "Wunder". Ich habe ja schon mal probiert, wie die Post von BG nach D arbeitet. Die Karten sind nach einer mehrwöchigen Reise tatsächlich auch angekommen. Aber dass ich Post – noch dazu aus Deutschland – bekomme, hätte ich nicht für möglich gehalten. Am 4. September jedoch war es soweit. Ich hatte meine private Adresse hier in BG bei der Lufthansa angegeben und nicht rechtzeitig auf die Dienstanschrift geändert, so dass die mir einmal geschrieben haben. An jenem besagten 4. September komme ich also nach Hause und mir fällt erstmalig ein Briefkasten am Haus auf – wohl gemerkt: EINER! Auch hat das Haus jetzt eine Hausnummer. In goldenen Lettern, den gesamten Straßennamen ausgeschrieben und mit Silikon oder etwas Ähnlichem an die Fassade geklebt. Aber das wollte ich gar nicht berichten. Jedenfalls schaue ich neugierig durch die Ritzen des Briefkastens und da liegt doch ein Brief drin und ich kann meinen Namen lesen! Aber wie komme ich an den Brief? Muss ich den Hausverwalter anrufen. Der weiß jetzt auch Bescheid und am nächsten Morgen liegt besagter Brief vor meiner Wohnungstüre. Naja, wenn ich das Absenderdatum des Briefes richtig interpretiere, war der Brief nicht einmal zwei Wochen unterwegs. Also dürfte es auch langsam Zeit werden, dass meine Urlaubskarte aus SCO bei meinen Kollegen ankommt. Vielleicht habe ich hier allerdings Pech und die Karte gefällt einem Postboten so gut, dass er sie nicht zustellt. Warten wir es ab, wenn es wieder etwas von Wundern zu berichten gibt, setze ich mich wieder an meinen PC.

Vierte Episode

Und gleich einen Tag später sitze ich schon wieder am PC und - man glaubt es kaum -, die Karte ist doch angekommen. Ich hatte – das wusste ich gar nicht mehr – eine mit der Skye-Bridge geschickt. Unsere Assistentin hat sich jedenfalls gefreut. Mal sehen, ob sie die Kollegen auch zu Gesicht bekommen.

Fünfte Episode

Wieder einmal haben die Schildbürger zugeschlagen. Es war an einem Samstag, als ich auf dem Weg zu einem beliebigen Restaurant für mein Mittagessen war. Spuren auf der Hauptverkehrsstraße waren gesperrt, weil der Zebrastreifen neu aufgepinselt wurde. Soweit, so gut! Das sah auch zwei (!) Tage nett und schön weiß aus. Am Montag allerdings war von dem schönen neuen Zebrastreifen nichts mehr zu sehen. Alles sah so aus, wie vorher. Ich vermute ganz stark, die haben die Rechnung ohne den sehr alten und abgefahrenen Straßenbelag gemacht. Der ist so glatt, dass die für andere Verhältnisse konzipierte und vielleicht günstig irgendwo eingekaufte Farbe darauf keinen Halt fand und einfach ruck-zuck wieder abgefahren wurde. Vergebene Liebesmüh!

Sechste Episode

Aber an mancher Stelle sind die Bulgaren bereits weiter als wir in Deutschland. Sehr häufig sieht man nämlich an Ampeln Count-Down-Anzeigen sowohl für die Rot- als auch für die Grünphase. Nun könnte man ja auf die Idee kommen, wenn so ein Rot-Count-Down mehr als 30 Sekunden anzeigt – der Umwelt und auch dem Geldbeutel zu Liebe – mal den Motor abzustellen. Aber wahrscheinlich freuen sich die Fahrer in ihren Autos nur, dass es beim Warten nicht so langweilig ist und sie bunten Lämpchen beim runterzählen zugucken können. Oder sie haben zu wenig Vertrauen in ihre alten Autos, fürchten, dass sie nicht wieder anspringen – kann auch sein. Jedenfalls tuckern die Autos auch bei noch so langen Rotphasen vor sich hin.

© 2008 by A. Klemm
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